Der Lavendelmann

Der Lavendelmann

Die Geschichte des Monsieur Lavande

Seine erste Begegnung mit dem Lavendel geschah eher zufällig. Heute bestreitet Peer Kahn  mit der provenzalischen Blume seinen Lebensunterhalt – selbstbestimmt und zufrieden                                                                                                                                     von Julia Boek

 

Wie Saphire auf gläsernen Vitrinen liegen die blauen Lavendelblüten auf weißen Tellern.  Sorgfältig hat die zehnköpfige Jury des „Concours de Lavande de A.O.C. de Haute  Provence“, dem alljährlichen Lavendelwettbewerb der Bauernkooperative, zuvor jede  einzelne Blüte betrachtet, ihre samtige Oberfläche mit den Händen befühlt, die  ätherischen Öle in tiefen Atemzügen inhaliert. Gleich wird im beschaulichen  Ferrassières, wo heute alle 119 Einwohner auf den Beinen sind, die Gewinnerpflanze der diesjährigen Sommerernte gekürt werden. Dann wird Peer Kahn, Lavendelmann aus  Berlin, seine unverwechselbare Sorte „Lavendula angustifolia fine super bleu“ finden.  
 
Seit nunmehr zehn Jahren verkauft Kahn, Veterinär und gebürtiger Cuxhavener, die  provenzalische Blume auf den Berliner Wochenmärkten. Seinen Kunden gibt er beim  Kauf ein Jahr Garantie auf Duft und Farbe. „Das kann sonst keiner mit einer Blume“, sagt  der Mann mit dem braunen Lederhut auf dem Kopf.
Die Suche nach dem echten, dem perfekten Lavendel, sie führt Kahn nach Ferrassières,  einem Örtchen auf dem Plateau d’Albion unweit der Gemeinde Sault. Hier schließt er  2009 Bekanntschaft mit Gérard Bernard, einem Lavendelbauern, und eben dem besten  Blütenproduzenten der Haute-Provence. Gérard Bernard – magisch wie eine  Zauberformel erklingt der Name des Bauern aus Kahns Mund, wenn er Sätze sagt wie:  „Bei Gérard Bernard stehen die Siegerpokale dicht an dicht auf der  Wohnzimmerkommode“ oder „Gérard Bernards Geheimnis ist der rote Dinosaurier“.  Gemeint ist die uralte Mähmaschine des Großvaters, die die kostbaren Lavendelblüten  bei der Ernte nicht zerstört. Weitere Erfolgsrezepte sind die liebevolle Handarbeit, die  jeder Pflanze zukommt, der nährstoffreiche Boden direkt am Fuße des Mont Ventoux  und das Licht der Haute Provence. Dort, wo stets ein kühler Mistral weht, der – im  Winter eisig kalt – die Einfuhr der Ernte in der Julisonne erträglicher macht. Jedes Jahr  zur Erntezeit fährt Kahn in die Provence, um frische Ware und Produktneuheiten wie  zuletzt Lavendelbonbons oder die Lavendelspindel für seinen Marktstand zu erwerben.
Die Idee, sich lieber Blumen als Tieren zu widmen, hatte er bereits während eines Tierarzt-Praktikums in Frankreich. In La Tour-d’ Aigues nördlich von Aix-en-Provence  trifft er den Traubensaftproduzenten Silvan und beschließt ein paar Flaschen kostbaren  Most, Kahn: „die Sonne im Glas“, in Berlin zu verkaufen. Als in einer Kiste mit frischem  Traubensaft auch zwei Bouquets getrockneter Lavendel liegen, beginnt der blaue Zauber. Vorsichtig öffnet er das erste Bündel, betrachtet die Blume und bindet ihre Stiele zu  kleinen Sträußen zusammen. Die ersten Lavendelsträuße verkaufen sich gut auf den  Berliner Wochenmärkten. Auch die Marktmeister schätzen die sinnliche Aura, die der  Lavendelzweige verschenkende Mann mit dem weißem Hemd, der braunen Weste und  dem Hut verströmt. Bald nehmen sie ihn in die feste Händlerriege auf. Nur anderthalb  Jahre nach seinem Marktdebüt steht Kahn in der Lagerhalle eines provenzalischen  Bauern und investiert sein gesamtes Geld in das „blaue Gold“. Sein Mut zahlt sich aus.  Aus dem Lavendelsetzling von einst ist heute Monsieur Lavande, ein erfolgreiches  Unternehmen geworden, das neben Lavendelsträußen namens „Der Klassiker“ oder „Der Schöne“ auch Lavendel-Schlafmasken aus japanischen Kimonostoffen, Biolavendelöle,  Seifen und Lavendelhonig verkauft. Kahns Verkaufsschlager aber ist „Le Diffuseur“ – ein  kleines Lavendelölkissen, dessen Duft sich durch die Poren einer semipermeablen  Membran verbreitet. „Das kennen sie doch noch aus dem Biologieunterricht“, ruft Kahn  wortwitzig und wahlweise höher oder tiefer intonierend, den Menschen am Marktstand  zu, wenn er sein „High-Tech-Ölkissen für die Handtasche, das Armaturenbrett oder den  Wäscheschrank“ präsentiert.  Das Dasein als Lavendelmann, für Kahn ist es die beste aller Möglichkeiten,  selbstbestimmt und sonnigen Gemütes durchs Leben zu gehen. „Diese Blume lässt dich  zufrieden sein“, sagt er. Egal ob auf dem Lavendelfeld oder hinter seinem Marktstand,  stets gebe ihm der Geruch das wohlige Gefühl, Zuhause zu sein. „Das ist wie damals der  Kaffeeduft in Omas Treppenhaus“, sagt Kahn

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Foto von Ulrich Goll im Sommer 2014